[Rezension] Anna Seidl – Es wird keine Helden geben

51+Kh6Nx81L._AA160_Verlag: Oetinger
Ausgabe: Hardcover
Seiten: 256
Ersterscheinung: 20. Januar 2014
ISBN: 978-3-7891-4746-3
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Über die Autorin
Anna Seidl wurde 1995 in Freising geboren, wuchs u.a. in Budapest auf und zog schließlich mit ihrer Familie nach Bayern. Schon in der Grundschule erzählte sie gern Geschichten und fing auch bald an, sie aufzuschreiben. Mit ihrem Jugendbuchdebüt „Es wird keine Helden geben“ stellt sie nun ihr schriftstellerisches Können unter Beweis. Die Autorin lebt mit ihren Eltern und ihren Geschwistern in der Nähe von Aschaffenburg.
(Buch)

Man kann die Angst riechen. Man kann nach ihr greifen. Er ist unter uns. Wir können sie hören, die Schüsse. Sie sind laut. Viel zu laut.
Ein völlig normaler Schultag. Doch kurz nach dem Pausenklingeln fällt der erste Schuss. Die fünfzehnjährige Miriam flüchtet mit ihrer besten Freundin auf das Jungenklo. Als sie sich aus ihrem Versteck herauswagt, findet sie ihren Freund Tobi schwer verletzt am Boden liegen. Doch für Tobi kommt jede Rettung zu spät, und Miriam verliert an diesem Tag nicht nur ihr bislang so unbeschwertes Leben …“
(Klappentext)

Materialität & Cover
Obwohl das Buch nicht sehr dick ist mit seinen 256 Seiten, wurde es mit einem Hardcover gebunden. Daher lädt es ein, dass man es mitnimmt für unterwegs. (Wenn wir jetzt von inhaltlichen absehen. Dazu später mehr) Das Cover zeigt lediglich den Titel und den Namen der Autorin. Keine Bilder. Kein Schnickschnack. Innen gibt es immer einen Wechsel zwischen einer Serifen und einer serifenlosen Schrift, um die Gegenwart von den Flashbacks der Protagonistin zu unterscheiden. Des Weiteren stehen am Anfang jedes Kapitel immer Einschusslöcher passend zur Thematik. Außerdem findet man diese ebenfalls zur Unterscheidung der Flashbacks zur Gegenwart.

Meine Meinung
Ich habe ewig keine Rezension mehr geschrieben. Das hatte seine Gründe. Doch nach der Lektüre dieses Romans konnte ich einfach nicht anders, als meine Meinung der Welt mitzuteilen. Lange habe ich kein Buch mehr gelesen, welches mich so mitgerissen hat, wie dieses. Der letzte Roman, der mich zu Tränen gerührt hatte, war the last song von Nicolas Sparks. Am Datum ist zu erkennen, dass das schon eine sehr lange Weile her ist. Bei the last song war ich erst gegen Ende total ergriffen, doch Anna Seidl schafft es von der ersten Seite, an mich mitzureißen. Sowas habe ich lange nicht mehr erlebt. Der Roman beginnt mitten im Geschehen eines Amoklaufs nach einem kurzen Prolog, in dem Miriam die Leserschaft direkt anspricht.

Man kann die Angst riechen. Man kann nach ihr greifen. Aber niemand wagt es, sich zu rühren. Wir halten alle den Atem an. (S. 9)

Der Leser fragt sich sofort, was los ist. Man geht nach dem Lesen des Klappentextes nämlich eigentlich mit der Erwartung an den Roman, dass man nun über 250 Seiten den Verlauf eines Amoklaufs liest aus der Sicht eines Opfers. Doch die Autorin wirft einen direkt in die Geschichte. Als Leser bekommt man es direkt mit der Angst zu tun. Was ist mit Miriam? Wo ist sie? Wird sie lebendig aus der Schule herauskommen. Ein Kapitel lang spürt man Miriams Todesangst. Die Sätze sind kurz und knapp. Ein Gefühl der Atemlosigkeit und Panik wird vermittelt.
Doch der Amoklauf endet auch am Anfang des zweiten Kapitels. Nein, ich greife nicht zu viel vorweg, denn jetzt beginnt die eigentliche Geschichte von Miriam. Nun ist sie allein. Ihr Freund ist tot. Ihre beste Freundin ein seelisches Wrack. Eine andere zieht weg. Eine weitere wird zur Kifferin. Miriam ist völlig sich selbst überlassen. Sie hat zwar ihre Familie, aber sie hat letztlich das Gefühl, dass die Familie eigentlich keine Ahnung davon hat, wie es Miriam wirklich geht. Sogar Miriams Mutter taucht nach zig Jahren wieder auf. Alle wollen nur das beste für Miriam. Doch sie will mit ihrer Trauer und ihren Gefühlen einfach alleine sein. Die Beerdigung von Tobi vermeidet sie, denn sie ist einfach nicht bereit Abschied zu nehmen. Eine Szene finde ich in diesem Zusammenhang sehr herzzerreißend. Miriam steht zum ersten Mal an Tobis Grab und schreit ihn einfach nur an. Beim Lesen tut es einfach im Herzen weh, dass ein Mädchen in ihrem Alter so leiden muss. Ihr Gefühl der absoluten Hilflosigkeit springt sofort über. Sie fühlt sich von allem und jedem allein gelassen. Ihr Freund starb einfach vor ihren Augen. Immer wieder muss Miriam mit weiteren Schicksalsschlägen kämpfen. Am schlimmsten wird es als ihre beste Freundin Joanne ihr die Frage: „Sind wir schuld?“ stellt. Ab diesem Moment kämpft Miriam nicht mehr nur mit Verlust, Trauer etc, sondern auch mit der Schuldfrage und Schuldgefühlen.

Das Leben ist eine zerbrechliche, kurze Sache. Jeder lebt nur ein einziges Mal. Jeder ist etwas Besonderes. (S. 251)

Durch den gesamten Roman zieht sich der rote Faden der Schuld, der Trauer, des Verlusts, des Hasses, der Liebe, der Freundschaft, des Schicksals, … so viele Themen, die Anna Seidl auf 256 Seiten kompakt zusammenfasst. Dadurch muss sie aber auch, den Leser direkt erfassen. Ihn direkt ins Herz treffen. Dabei erinnert mich der Roman thematisch auch an Tote Mädchen lügen nicht von Jay Asher, denn er auch befasst sich vor allem mit der Schuldfrage. Oder auch an By the time you read this, I’ll be dead von Julie Ann Peters. Trotz der Schwere des Themas ist der Roman mit einer gewissen Leichtigkeit geschrieben, sodass man ihn in einem Zug lesen kann, weil man, wie bereits erwähnt, direkt gefesselt wird und sich nicht mehr aus der Schlinge des Plots befreien kann. Dennoch ist es kein Roman für unterwegs, da man mitfühlt und hier und da mit den Tränen zu kämpfen hat. Außerdem ist der Leser gezwungen über die Geschichte nachzudenken.

Im Leben gibt es nun mal viel Leid. Aber das ist kein Grund, aufzugeben. (S. 151)

Anna Seidl hat mit ihrem Debüt keinen gewöhnlichen Jugendroman geschaffen. Ich lehne mich jetzt aus dem Fenster und sage, dass dieses Buch ein Kandidat für den Jugendbuchpreis ist. Denn, wenn eine 16-jährige eine solche Geschichte schreibt, ist das etwas sehr Besonderes. Wenn jemand einen Preis verdient hat, dann die heute 18-jährige. Es ist schließlich kein Buch, dass man aus der Hand legt und denkt: „Gut, dass ich es gelesen habe.“ Man ist auch danach noch gezwungen, weiter darüber nachzudenken. Genau das unterscheidet gute Literatur von preisgekrönter Literatur.

Bewertung
100% Lesenswert

Danke an den Oetinger Verlag für das Coverfoto und das Rezensionsexemplar.

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3 Kommentare

  1. Hallo und guten Abend,

    schön, wie gefühlvoll Du an dieses Thema herangegangen bist. Und auch gleich ähnliche Fallbeispiele gefunden hast.

    Danke für Deinen Beitrag.

    LG..Karin..

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