Jonas Lüscher: „Frühling der Barbaren“ – Rezension

Was ist Barbarei in Wirklichkeit? […] Sie ist ein Zustand, in dem viele der Werte der Hochkultur vorhanden sind, aber ohne die gesellschaftliche und moralische Kohärenz, die eine Vorbedingung für das rationale Funktionieren einer Kultur ist.

Dieses Zitat von Franz Borkenau aus seinem Buch „Ende und Anfang“ steht zu Beginn der Novelle „Frühling der Barbaren“ von Jonas Lüscher und kann als Moral der Geschichte interpretiert werden. Zwischen Zusammenbruch und Entstehung eines neuen Kulturkreises ist die Barbarei der Zwischenzustand. In diesem Zustand ist es nur ein kleines Stück, bis eine Gesellschaft ihre Moralen vergisst.

In seinem literarischen Debüt entwirft Lüscher ein ebenso unterhaltsames, wie auch erschreckendes Planspiel mit der Frage: Was könnte passieren, wenn England zahlungsunfähig wäre? Die Protagonisten setzt er dabei nicht – wie man zuerst vermuten könnte – in ein englisches Arbeiterviertel, welches von der Finanzkrise schwer gebeutelt wird, sondern in eine Luxus Hotelanlage in Tunesien, wo junge und aufstrebende Banker eine Hochzeit feiern. Tagtäglich spielen sie in London mit Geld, als würde ihnen die Welt gehören, was in ihrem Selbstverständnis auch der Fall ist. Dieses Selbstverständnis wird von älteren Menschen bezweifelt:
„Das wird kein gutes Ende nehmen, prophezeite er [Sanford] über den Rand einer englischen Zeitung vom Vortag hinweg. Diese Kinder… Sie werden uns alle in den Abgrund reißen, und Jenny wird sich das Benzin für ihren Porsche nicht mehr leisten können.“
Über Nacht verlieren sie alles, was ihnen lieb ist. Noch bevor ihnen bewusst wird, was passiert ist, sind sie mittel- und arbeitslos.
Hauptprotagonist ist der Schweizer Fabrikerbe Preising, der bei einer Geschäftsreise in Tunesien auf die Hochzeitsgesellschaft stößt und eingeladen wird. Dort trifft er auf die illustren Gäste Quicky, Sanford, Pippa und natürlich das Hochzeitspaar Kelly und Marc. Mit Pippa freundet sich Preising im Laufe der Zeit an.
Die Finanzkrise wird nicht erklärt. Vielmehr ist sie nur Mittel zum Zweck um komplexe soziale Probleme zu beschreiben. Auf 125 Seiten schafft Lüscher etwas sehr Erstaunliches: Nicht nur die finanzielle Depression und ihre Folgen sind Thema seiner Novelle, auch andere gesellschaftskritische Motive werden aufgegriffen, unter anderem Kinderarbeit, afrikanische Flüchtlinge vor Europa und die Schere zwischen Arm und Reich. Bewundernswert dabei ist, dass er all das in einen schlüssigen Zusammenhang zu bringen weiß. Es werden viele philosophische und ethische Fragen aufgeworfen, man merkt, dass der 1976 in Zürich geborene Lüscher Philosoph ist. Die Novelle „Frühling der Barbaren“ ist Teil seiner Doktorarbeit zum Thema „Bedeutung von Narrationen für die Beschreibung sozialer Komplexität vor dem Hintergrund von Richard Rortys Neo-Pragmatismus“.
Schon zu Beginn, als Preising die ersten Folgen des Zusammenbruchs beschreibt, fällt der Satz: „Der Mensch wird zum Tier, wenn es um sein Erspartes geht.“ Diese Behauptung wird sich als wahr erweisen.
Interessant ist, dass alle eines Tages mit einer Krise gerechnet haben, jedoch hat niemand an die daraus resultierenden Folgen gedacht:

Er [Sanford] hatte es schon immer gewusst, dass es so weit kommen würde. Er war bereit. Er hatte es doch schon immer gesagt. Ihn überraschte das nicht. Allerdings überraschten ihn dann die unmittelbaren Konsequenzen […].

Auffällig auch, dass Preising, ein sehr passiver Charakter, ohne irgendwelche Bedürfnisse ist. Hinter den Kulissen ist in Wahrheit sein Angestellter Prodanovic der Chef der Firma, da dieser ihn mit seiner Erfindung der Wolfram-CBC-Schaltung vor dem Ruin gerettet hat. Obwohl mittendrin im Geschehen, bewahrt er zu allem eine große Distanz und mischt sich lieber nicht ein, bevor er zum Handeln gezwungen wird („’Es ist,’, sagte Preising, ‚ja gar nicht meine Art, mich in fremde Angelegenheiten einzumischen […]’“). Als er mit ansehen muss, wie ein Kamelbesitzer durch einen Unfall seine ganze Kamelherde verliert, sucht Preising geradezu nach Gründen, um ihm nicht zu helfen, nur um vor Saida, Tochter seines tunesischen Geschäftspartners, gut dazustehen. Letzten Endes ist Preising keine Hilfe gegen die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Was der Kamelbesitzer an materiellem Hab und Gut besitzt, verdient der Schweizer an einem Tag. Es wäre ein Leichtes für ihn gewesen, einzugreifen. Auch dass der Konkurrent seines tunesischen Geschäftspartners Kinderarbeiter beschäftigt, scheint ihn nicht zu berühren. Von seinem Angestellten Prodanovic lässt er sich einreden, dass Afrika in Fürsorge ertrinke und von Spenden gelähmt sei. Hier kann man die Frage stellen, ob diese kapitalistische Anschauung ethisch korrekt ist und sie direkt verneinen. Es ist erstaunlich, dass Preising nicht einmal mit böser Absicht handelt, sondern gerade sein Nicht-Handeln ihn zu einem unmoralischen Menschen macht. Oft möchte man ihn vor Wut über diese Indifferenz anschreien. Lüscher selbst sagte in einem Interview mit dem Literaturcafé, dass genau dieses Nicht-Eingreifen seine Intention beim Schreiben war. In seiner Weltsicht ist Preising sehr eingeschränkt, er sieht nur das, was er sehen will. Vor allem auf der Hochzeitsfeier wird das deutlich.
Nach der Erkenntnis, dass sämtliche Hochzeitsgäste vor dem wirtschaftlichen Ruin stehen, erfährt die Feier eine zerstörerische Wendung. Jetzt, gegen Ende des Buches, nimmt die Geschichte richtig Fahrt auf. Vor allem der plötzliche Wandel in der Beziehung zwischen Preising und Pippa ist sehr konstruiert und übertrieben. Dass die Erzählung eine satirische Überspitzung ist, wird schnell klar. Sie ist deswegen aber nicht minder ernst zu nehmen.
Allerdings bleiben ein paar Fragen offen: Preising erzählt seine Geschichte einer namentlich nicht erwähnten Person. Diese wiederum erzählt dem Leser, was er erlebt hat. Zusätzlich gibt es noch einen dritten, nicht eindeutigen Erzähler, der über die Dinge berichtet, die Preising nicht sehen kann oder sehen möchte. Es ist eine Erzählung in einer Erzählung. Aber wer ist dieser zweite Erzähler? Welche Art von Beziehung hat er oder sie zu Preising? Es hat den Anschein, als befände Preising sich in einer psychiatrischen Anstalt. Aber warum?  Ist dieser Erzähler ein Pfleger oder ein Mitinsasse? Beides scheint möglich zu sein. Hat ihm die erlebte Barbarei so schwer zugesetzt oder ist die ganze Geschichte am Ende nur eine Wahnvorstellung? Unter welcher Krankheit leidet er? Ist er überhaupt ein verlässlicher Erzähler? Und was meint Preising damit, wenn er sagt: „Du stellst die falschen Fragen.“? Die erzählende Person erkundigt sich, was Preising mit seiner Geschichte bewiesen habe. Und wieder ist die Antwort: „Du stellst schon wieder die falsche Frage.“ Die Beantwortung dieser Punkte überlässt Lüscher der Interpretation des Lesers.

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